Welttag des Stotterns am 22.10.2020

Welttag des Stotterns am 22.10.2020 22.10.2020

Mythen über diese Redeflussstörung aufdecken

Nahezu jeder Mensch meint, er wisse über Stottern Bescheid. Das tun wir doch alle mal, heißt es dann oder, man müsse nur ruhig atmen. Auch Singen wird wohlwollend als Lösung empfohlen und tatsächlich könnten die Mitglieder der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e.V. (BVSS) zum Welttag des Stotterns am 22. Oktober wohl ein Lied darüber singen, welche Mythen und Fehleinschätzungen über die Redeflussstörung existieren. Doch Stottern ist nicht gleich Stottern, deshalb klären die BVSS und ihre Selbsthilfegruppen zum Welttag darüber auf und präsentieren drei besonders überraschende Fakten.

1. Jemand kann stottern, obwohl der Gesprächspartner keinen Laut von ihm hört.

Der Mann in der Bäckerei steht gefühlte Minuten stumm vor der Theke ohne etwas zu sagen, vielleicht ist sein Mund dabei geöffnet oder man erkennt keinerlei Ansatz zum Sprechen. „So kann Stottern auch sein“, erklärt Prof. Dr. Martin Sommer, Vorsitzender der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe, „der stotternde Mann weiß genau, was er bestellen möchte, aber er kann es nicht aussprechen, sein Körper sträubt sich nahezu“. So genannte Blockaden treten fast ebenso häufig als Kern-Symptom der Redeflussstörung Stottern auf, wie das Wiederholen und Dehnen von Buchstaben oder Silben, das gemeinhin als typisch für Stotternde gilt.


2. Stottern ist eine neurologische Störung des Sprechens, keine Hemmung.
Sprechen ist ein hochkomplexer Vorgang. Unser Gehirn muss dafür eine Vielzahl von Impulsen empfangen und weiterverarbeiten. „Einige dieser Abläufe sind bei stotternden Menschen beeinträchtigt. Das Gehirnareal, das für die Steuerung der Sprechmuskeln zuständig ist, wird
von den anderen beteiligten Arealen nicht störungsfrei beliefert. So misslingt die Vorbereitung auf die anstehende Sprechaufgabe – der Mensch stottert“, erläutert Martin Sommer der selbst seit seiner Kindheit stottert und als Neurologe an der Uniklinik Göttingen arbeitet. Stottern lässt deshalb keine Rückschlüsse auf die Psyche, die Intelligenz, den Charakter oder die Herkunft der betroffenen Person zu. Auch das vermeintliche Phänomen, dass jemand beim Singen nicht stottert ist darin begründet: „Singen wird von anderen Prozessen im Gehirn
ausgelöst, als das Sprechen, das ja bei Stotternden beeinträchtigt ist. Deshalb stottert an sich niemand beim Singen, das ist gar nicht ungewöhnlich“.


3. Stottern ist als Behinderung anerkannt.
Die Auswirkungen von Stottern werden oft unterschätzt, die für jeden hör- oder sichtbaren Symptome sind nur die Spitze eines Eisbergs, dessen größter Teil für Außenstehende unsichtbar bleibt. Dabei können durch das Stottern verursachte psychische Belastungen wie Ängste oder ein Verlust des Selbstwertgefühls selbst bei Betroffenen entstehen, deren Stottern von außen gesehen als leicht empfunden wird. Hinzu kommen körperliche Begleitsymptome, wie Muskelverspannungen oder eine veränderte Atmung. Aufgrund der dauerhaften Beeinträchtigungen ist Stottern als Behinderung anerkannt und selbst ohne einen so genannten Behindertenausweis haben stotternde Schulkinder Anspruch auf Nachteilsausgleich. „Leider ist dies sowohl Lehrkräften als auch Eltern nicht immer bewusst oder stotternde Schüler scheuen sich vor dem Begriff Behinderung. Das ist sehr schade, denn der Nachteilsausgleich sichert ihnen Chancengleichheit in Schule und Ausbildung“, ergänzt Sommer.

Basisfakten
Typischerweise tritt Stottern erstmalig zwischen dem 2. und 4. Lebensjahr auf, wobei es beim Großteil dieser Kinder wieder weggeht. Doch bei einigen Kindern bleibt es dauerhaft. So stottert gut 1 % aller Erwachsenen, in Deutschland mehr als 800.000. Obwohl eine Heilung nach der Pubertät eher selten ist, ist doch das Leiden am Stottern heilbar. Es haben sich zwei Hauptrichtungen entwickelt, auf denen die meisten Angebote der qualifizierten Stottertherapie basieren und die inzwischen auch miteinander kombiniert werden können: das so genannte Fluency Shaping und die Stottermodifikation. Durchgeführt werden sie ambulant in Praxen für Logopädie oder akademischer Sprachtherapie
sowie stationär in speziellen Einrichtungen. Für eine gute Stottertherapie ist es nie zu spät, aber sie braucht Zeit. Beide Behandlungswege erfordern mehrmonatiges Üben und oft jahrelange Nachsorge.